Schnellüberblick. Prokrastination ist kein Zeitmanagement-Problem und kein Charakterfehler. Die Forschung ist hier erstaunlich eindeutig: Aufschieben ist im Kern ein Gefühls-Problem, „short-term mood repair”, wie es die Forscher Fuschia Sirois und Tim Pychyl nennen. Du schiebst eine Aufgabe nicht auf, weil sie zu groß ist, sondern weil sie ein unangenehmes Gefühl auslöst, und das Aufschieben dieses Gefühl sofort entfernt. Dieser Artikel erklärt, was dabei in deinem Gehirn passiert, warum gerade kluge und leistungsstarke Menschen besonders elegant aufschieben, welcher der fünf Treiber dein Muster steuert, warum die üblichen Tipps zuverlässig scheitern und was kurzfristig wie strukturell tatsächlich wirkt.
Dienstag, 9:30 Uhr. Die wichtigste Aufgabe des Tages liegt offen vor dir. Du weißt genau, was zu tun ist. Du hast die Zeit, du hast die Fähigkeiten, du hast sie sogar gestern Abend fest eingeplant.
Und dann beantwortest du erst mal drei E-Mails. Räumst den Desktop auf. Holst noch einen Kaffee. Liest „nur kurz” einen Artikel. Um 11:00 Uhr ist die Aufgabe noch genauso unberührt wie um 9:30, nur dass jetzt zusätzlich ein leiser Druck in deinem Hinterkopf sitzt.
Wenn dir das bekannt vorkommt: Du bist weder faul noch undiszipliniert. Du bist ein Mensch mit einem Nervensystem, das gerade sehr effektiv arbeitet. Nur eben nicht an deiner Aufgabe, sondern an deiner Stimmung. Und genau das ist der Schlüssel zu allem, was in diesem Artikel kommt.
1. Prokrastination ist kein Zeitproblem
Die meisten Menschen behandeln Aufschieben wie ein Planungsproblem. Bessere To-do-Liste, neue App, Pomodoro-Technik, Kalenderblöcke. Und für ein, zwei Wochen läuft es sogar. Dann ist alles wieder wie vorher, und das nächste Produktivitäts-System wartet schon. Wenn dir dieser Zyklus bekannt vorkommt, liegt das nicht an dir, sondern daran, dass das Werkzeug das falsche Problem löst.
Fuschia Sirois und Tim Pychyl, zwei der führenden Prokrastinationsforscher, haben es 2013 auf eine Formel gebracht, die das ganze Feld neu sortiert hat: Prokrastination ist im Kern „short-term mood repair”. Kurzfristige Stimmungsreparatur. Du schiebst die Aufgabe nicht auf, weil sie zu groß ist oder zu lange dauert. Du schiebst sie auf, weil sie in dir ein unangenehmes Gefühl auslöst. Und das Aufschieben macht dieses Gefühl sofort weg.
Schauen wir uns das konkret an. Die Steuererklärung löst ein leises „ich krieg das eh nicht hin” aus. Die Kaltakquise löst „die wollen mich nicht” aus. Der schwierige Text löst „was, wenn das peinlich wird” aus. Das Gefühl ist oft so subtil, dass du es gar nicht als Gefühl registrierst. Du spürst nur einen diffusen Widerstand, ein inneres „später”.
Und jetzt kommt der entscheidende Mechanismus: In der Sekunde, in der du stattdessen den Posteingang öffnest, ist das unangenehme Gefühl weg. Sofort. Das ist eine Belohnung, und zwar eine unmittelbare. Dein Gehirn lernt daraus, ganz nüchtern und ganz zuverlässig: Ausweichen funktioniert. Psychologen nennen das „negative Verstärkung”. Ein Verhalten wird nicht durch eine Belohnung verstärkt, die dazukommt, sondern durch ein unangenehmes Gefühl, das verschwindet.
Das heißt: Dein Aufschieben ist kein Versagen deiner Willenskraft. Es ist ein perfekt gelernter Reflex, der jedes Mal trainiert wird, wenn er läuft. Du bist nicht undiszipliniert. Du bist kurzfristig sehr effektiv, nur eben bei deiner Stimmung, nicht bei deiner Aufgabe. Die Rechnung zahlt jemand anderes: dein zukünftiges Ich. Dazu gleich mehr.
2. Warum gerade kluge, leistungsstarke Menschen so elegant aufschieben
Hier kommt das Paradox, das ich in der Praxis ständig sehe: Die Menschen, die am hartnäckigsten prokrastinieren, sind selten die Bequemen. Es sind oft Unternehmer, Führungskräfte, Selbstständige. Menschen, die nachweislich liefern können, die Firmen aufgebaut, Teams geführt, Projekte gestemmt haben.
Warum trifft es ausgerechnet sie?
Erstens: Je mehr du kannst, desto höher hängen die Aufgaben, die zählen. Wer Verantwortung trägt, hat selten triviale To-dos auf der Liste, sondern Entscheidungen mit Konsequenzen, Texte mit Außenwirkung, Gespräche mit Fallhöhe. Genau solche Aufgaben sind emotional aufgeladen. Die Meta-Analyse von Piers Steel (2007), die Daten aus hunderten Studien zusammenfasst, zeigt: „Task aversiveness”, also wie unangenehm sich eine Aufgabe anfühlt, ist einer der stabilsten Prädiktoren fürs Aufschieben. Nicht die objektive Größe der Aufgabe. Das Gefühl.
Zweitens: Kluge Menschen sind Weltmeister im Rationalisieren. Dein Verstand liefert dir erstklassige Begründungen, warum genau jetzt erst noch etwas anderes wichtig ist. Der Posteingang muss ja wirklich beantwortet werden. Die Recherche ist ja wirklich sinnvoll. Das nenne ich Tarn-Fleiß: Vermeidung in ihrer besten Verkleidung. Du warst den ganzen Tag beschäftigt, ehrlich verdient müde, und das Einzige, was liegen blieb, war zufällig das Wichtigste. Niemand kann dir Faulheit vorwerfen, am allerwenigsten du selbst. Genau dafür ist diese Form des Aufschiebens da.
Drittens, und das ist der bittere Teil: Diese Menschen wissen meist längst, was zu tun wäre. Sie haben Bücher über Produktivität gelesen, Systeme ausprobiert, sich selbst analysiert. Verstehen war nie das Problem. Es ändert nur nichts. Wenn du das kennst, dieses „ich verstehe mein Problem perfekt und es läuft trotzdem weiter”, dann hast du bereits am eigenen Leib erfahren, dass das Muster nicht auf der Ebene sitzt, auf der dein Verstand arbeitet.
3. Was in deinem Gehirn passiert, während du aufschiebst
Gehen wir eine Etage tiefer, in die Neurobiologie. Keine Sorge, das bleibt verständlich. Es lohnt sich, weil du danach nie wieder glauben wirst, dein Aufschieben sei eine Charakterfrage.
In deinem Kopf verhandeln, vereinfacht gesagt, zwei Systeme miteinander. Das limbische System, evolutionär uralt, will gute Gefühle jetzt und unangenehme Gefühle sofort weg. Und der präfrontale Cortex, dein „Später-Gehirn”, hält Ziele, Pläne und Prioritäten. Solange alles entspannt ist, arbeiten beide zusammen. Sobald aber eine Aufgabe einen negativen Affekt auslöst, also Unlust, Angst, Überforderung oder Langeweile, meldet das limbische System Vorrang an. Und es sitzt am längeren Hebel, weil es schneller ist.
Dazu kommt ein zweiter Mechanismus, den die Verhaltensökonomie „temporale Diskontierung” nennt. Klingt kompliziert, ist aber simpel: Je weiter eine Belohnung in der Zukunft liegt, desto stärker wertet dein Gehirn sie ab. Und zwar nicht ein bisschen, sondern steil. Die Erleichterung, jetzt der Aufgabe auszuweichen, ist klein, aber sofort da. Der Nutzen, sie zu erledigen, ist groß, aber er liegt in der Zukunft. In dieser Rechnung gewinnt das Jetzt fast immer.
Und jetzt kommt die Studie, die mich immer wieder fasziniert. Forscher in Stanford um Hal Ersner-Hershfield haben Menschen im Hirnscanner an sich selbst denken lassen: erst an das heutige Ich, dann an das Ich in der Zukunft, dann an fremde Personen. Das Ergebnis: Beim zukünftigen Ich sah die Gehirnaktivität eher aus wie beim Denken an einen Fremden. Der Bereich, der sonst bei „das bin ich” anspringt, blieb auffällig still.
Überleg kurz, was das fürs Aufschieben bedeutet. Jedes Mal, wenn du etwas verschiebst, delegierst du die Rechnung an dein zukünftiges Ich. Aus Sicht deines Gehirns also an… irgendeinen Typen, den du kaum kennst. Deshalb fühlt sich Aufschieben auch nicht wie Verrat an. Du würdest ja nie absichtlich jemanden hängen lassen, der dir wichtig ist. Tust du auch nicht. Du delegierst eben an einen Fremden.
Dieselbe Stanford-Gruppe hat übrigens gezeigt, dass sich das bewegen lässt: Probanden, die ihr eigenes, künstlich gealtertes Gesicht sahen, entschieden danach deutlich öfter zugunsten ihres zukünftigen Ichs. Die Verbindung zum Später ist trainierbar. Merk dir das, wir kommen darauf zurück.
4. Die Formel hinter deinem Aufschieben und die fünf Treiber
Piers Steel hat die Forschung in seiner „Temporal Motivation Theory” zu einer einfachen Formel verdichtet. Wie stark du eine Aufgabe anpackst, hängt ab von deiner Erwartung („schaffe ich das?”) mal dem Wert der Sache („wie sehr lohnt es sich, und wie angenehm ist es?”), geteilt durch deine Impulsivität mal die zeitliche Distanz der Belohnung.
Das Spannende an dieser Formel: Sie zeigt, dass Prokrastination nicht gleich Prokrastination ist. Je nachdem, an welcher Stellschraube es bei dir hakt, sieht dein Aufschieben anders aus und braucht einen anderen Hebel. In meiner Arbeit unterscheide ich fünf Treiber, fünf „Aufschiebe-Typen”, wenn man so will:
Der Sonnengänger wendet sich instinktiv dem Angenehmen zu. Die Aufgabe ist nicht bedrohlich, sie fühlt sich nur zäh an, und sein System tauscht das zähe Gefühl reflexhaft gegen ein leichteres. Sein Problem ist der Wert-Faktor: unangenehme Aufgaben sind emotional „negativ bepreist”.
Der Schützer schiebt genau die Aufgaben auf, bei denen er beurteilt werden könnte. Für sein System ist die Aufgabe ein Urteil über ihn als Person. Solange er nicht anfängt, bleibt das Urteil offen, und „offen” fühlt sich sicherer an als „möglicherweise nicht gut genug”. Die Versagensangst ist einer der am besten belegten Treiber des Aufschiebens.
Der Bremser fängt gar nicht erst richtig an, weil ein leiser Satz schon vorher feststeht: „Bringt eh nichts.” Sein Problem ist der Erwartungs-Faktor. Niedrige Erwartung mal hoher Wert ergibt trotzdem niedrige Motivation.
Der Impulsive will durchaus anfangen, aber im entscheidenden Moment zieht ihn das Sofortige weg: das Handy, die Mail, der schnelle Reiz. In Steels Meta-Analyse ist Impulsivität der stärkste einzelne Prädiktor für Prokrastination.
Der Feuerwehrmann kommt erst in Fahrt, wenn die Deadline brennt. Sein Antrieb ist nicht kaputt, er ist an Dringlichkeit gekoppelt. Ohne Feuer kein Signal. Der Preis: Dauer-Adrenalin, Qualitätsverlust und auf lange Sicht Erschöpfung.
Die meisten Menschen erkennen sich in einem dieser Treiber sofort wieder, manchmal in zweien. Falls du wissen willst, welcher bei dir führt: Ich habe dafür einen kostenlosen Test gebaut, drei Minuten, sieben Fragen, mit einem ausführlichen, ehrlichen Befund zu deinem Muster. Du findest ihn hier: Welcher Aufschiebe-Typ bist du? → Zum 3-Minuten-Test
5. Warum die üblichen Ratschläge zuverlässig scheitern
Jetzt, wo der Mechanismus auf dem Tisch liegt, kannst du selbst herleiten, warum die Standard-Tipps so selten halten.
„Mach dir eine bessere To-do-Liste.” Eine Liste organisiert das Was und das Wann. Dein Problem liegt aber beim Warum-nicht. Eine schönere Liste ändert nichts an einer Aufgabe, die sich innerlich mies anfühlt. Du löst kein Planungsproblem, du hast keins.
„Reiß dich halt zusammen.” Disziplin zielt auf das Verhalten. Das Problem sitzt aber bei dem Gefühl, das vor dem Verhalten kommt. Klar kannst du dich zwingen, einmal, zweimal, solange der Tank reicht. An einem schlechten Tag, unter Stress, übernimmt das alte Muster wieder, und zwar meist härter als vorher. Du kämpfst gegen das Symptom und lässt die Ursache laufen.
„Sei strenger mit dir.” Das ist der teuerste Irrtum von allen, und hier wird die Forschung richtig interessant. Michael Wohl und Tim Pychyl haben 2010 Studenten jeweils vor zwei Prüfungen untersucht. Das Ergebnis: Wer sich das Aufschieben vor der ersten Prüfung selbst verziehen hat, schob vor der zweiten deutlich weniger auf. Die Strengen mit sich selbst blieben im Muster.
Warum? Denk an den Kernmechanismus zurück: Aufschieben ist Gefühls-Vermeidung. Und was macht Schuld? Sie lädt die Aufgabe emotional noch weiter auf. Beim nächsten Anlauf wartet nicht mehr nur die Unlust von gestern, sondern Unlust plus Scham plus die Erinnerung ans letzte Scheitern. Dein System hat jetzt noch mehr Grund auszuweichen. Härte mit dir selbst ist hier, als würdest du Benzin ins Feuer kippen, um es zu löschen. Viel Bewegung, falsche Richtung.
Dein Anspruch an dich ist dabei völlig in Ordnung. Na klar darfst du viel von dir wollen. Nur die Schuld danach, die kannst du dir sparen. Sie arbeitet nämlich für das Muster, nicht für dich.
6. Was kurzfristig wirklich hilft
Bevor wir zur strukturellen Ebene kommen, ein paar Hebel, die du ab heute nutzen kannst. Sie lösen das Muster nicht auf, aber sie setzen am richtigen Stockwerk an: am Gefühl, nicht am Kalender.
Vergib dir das bisherige Aufschieben. Das klingt weich, ist aber, siehe oben, einer der wenigen Hebel mit echter Studienlage. Selbstvergebung ist keine Erlaubnis, sondern Treibstoffentzug: Du nimmst der Aufgabe die emotionale Ladung, die das Ausweichen antreibt.
Benenne das Gefühl, nicht die Aufgabe. Frag dich nicht „warum schaffe ich das nicht”, sondern „was genau löst diese Aufgabe in mir aus?” Unlust? Angst vor dem Urteil? Ein leises „bringt eh nichts”? Allein das präzise Benennen schafft Abstand zwischen dir und dem Reflex.
Verkleinere den Einstieg, nicht die Aufgabe. Der Widerstand hängt am Anfangen, nicht am Durchziehen. „Ich öffne nur das Dokument und schreibe einen Satz” umgeht die emotionale Ladung, an der „ich muss den Bericht schreiben” scheitert. Sobald du drin bist, übernimmt oft die normale Arbeitsmechanik.
Räum die Sofort-Reize weg, wenn du der Impulsive bist. Gegen einen neurochemischen Sog gewinnt Willenskraft auf Dauer nicht. Handy in den anderen Raum, Tabs zu. Du änderst die Bedingungen, nicht dich.
Stell dir die Tarn-Fleiß-Frage. Wenn du wissen willst, ob du gerade arbeitest oder ausweichst: „Würde ich das hier auch tun, wenn die wichtige Aufgabe schon fertig wäre?” Die Antwort kommt meist unangenehm schnell.
Das alles ist solide Symptom-Arbeit, und sie hat ihren Platz. Ehrlicherweise hat sie auch eine Grenze: Sie verwaltet das Muster. Sie löscht es nicht.
7. Was strukturell wirkt: die Ebene, auf der das Muster sitzt
Erinnerst du dich an den Kernsatz aus Abschnitt 1? Dein System hat gelernt: Ausweichen entfernt das schlechte Gefühl, also ist Ausweichen richtig. Dieses Lernen ist nicht als Gedanke gespeichert, den man umdenken könnte. Es ist als emotionale Verknüpfung gespeichert: Aufgabe X bedeutet Gefahr, Urteil, Überforderung, Sinnlosigkeit, je nach deinem Treiber. Diese Verknüpfung wurde irgendwann installiert, meist früh, meist aus damals gutem Grund, und sie feuert heute automatisch, schneller als dein bewusstes Denken.
Genau deshalb verändert Verstehen nichts. Dein Neokortex liest diesen Artikel. Die Verknüpfung sitzt tiefer.
Strukturelle Arbeit heißt deshalb: nicht das Aufschieben bekämpfen, sondern die emotionale Ladung auflösen, die die Aufgabe auslöst. Wenn die Steuererklärung kein „ich krieg das nicht hin” mehr triggert, brauchst du keine Disziplin mehr, um sie zu machen. Du machst sie einfach. Das ist keine Pointe, sondern die nüchterne Konsequenz aus allem, was die Forschung über den Mechanismus zeigt.
In meiner Praxis arbeite ich dafür mit klinischer Hypnose und psychosensorischen Techniken, in drei Schritten:
Detect: Wir machen das Muster präzise sichtbar. Wo genau setzt es ein? Welches Körpersignal kommt direkt davor? Welcher der fünf Treiber führt, und welches Gefühl steckt dahinter? Die meisten Klienten erleben hier zum ersten Mal, dass ihr Aufschieben eine exakte, nachvollziehbare Architektur hat, statt diffuses „ich bin halt so”.
Debug: Wir arbeiten auf der Ebene, auf der die Verknüpfung gespeichert ist. Im hypnotischen Zustand, einem Zustand erhöhter neuroplastischer Lernbereitschaft, verliert die alte Kopplung „diese Art Aufgabe = dieses Gefühl” ihre Ladung. Was früher ein sinnvoller Schutz war, muss es heute nicht mehr sein.
Recode: Neue Reaktion statt altem Reflex, verankert durch Wiederholung und reale Test-Situationen im Alltag, bis das Neue stabil ist und nicht mehr verteidigt werden muss.
Zwei Dinge sage ich dazu immer ehrlich. Erstens: Das funktioniert nur mit Menschen, die Veränderung wirklich wollen und bereit sind mitzuarbeiten. Ich bin Trainer, nicht Heiler, und Hypnose ist keine Magie, sondern ein Werkzeug. Zweitens: Es gibt keine Garantien auf spezifische Ergebnisse, und wer eine Wunder-Sitzung sucht, die „alles löst”, ist bei mir falsch. Was es gibt, ist ein präziser Prozess für ein Muster, das sich mit Listen und Vorsätzen nachweislich nicht beeindrucken lässt.
8. Häufige Fragen
Bin ich einfach faul?
Sehr wahrscheinlich nicht, und das ist keine Schmeichelei, sondern Diagnostik. Faulheit wäre: kein Antrieb, kein Leidensdruck, keine Diskrepanz zwischen Wollen und Tun. Prokrastination ist das Gegenteil: Du willst, du leidest darunter, dass du nicht tust, und genau diese Spannung ist das Symptom. Faule Menschen googeln nicht „warum schiebe ich alles auf” und lesen keine 3000-Wörter-Artikel darüber.
Ist Prokrastination dasselbe wie ADHS?
Nein, auch wenn sie sich überlappen können. Bei ADHS ist die Impulsivitäts- und Aufmerksamkeitsregulation neurologisch grundlegend anders aufgestellt, das gehört diagnostisch in ärztliche Hände. Chronisches Aufschieben ohne ADHS ist dagegen ein gelerntes emotionales Muster. Wenn du den Verdacht hast, dass bei dir mehr dahintersteckt, kläre das zuerst ärztlich ab. Die gute Nachricht: Der Mood-Repair-Mechanismus ist in beiden Fällen derselbe, nur die Gesamtstrategie unterscheidet sich.
Unter Druck funktioniere ich doch. Ist das nicht Beweis genug, dass ich nur Deadlines brauche?
Das ist der Feuerwehrmann-Treiber, und ja, er funktioniert, bis er es nicht mehr tut. Du arbeitest im Adrenalin- und Cortisol-Schub der letzten Minute. Kurzfristig hebt das die Leistung, dauerhaft ist es der direkte Weg in die Erschöpfung, und für Tiefe und Qualität bleibt keine Zeit. Die eigentliche Frage ist nicht, ob du unter Druck liefern kannst, sondern warum dein System ohne Feuer kein Startsignal bekommt.
Wie schnell kann sich so ein Muster verändern?
Schneller als die meisten denken, aber nicht über Nacht. Die ersten Verschiebungen zeigen sich oft nach wenigen Sitzungen: Aufgaben, die zuverlässig Widerstand ausgelöst haben, fühlen sich im Vorfeld neutraler an. Die stabile Verankerung braucht Wochen bis wenige Monate, in denen das Neue durch reale Erfahrung einschleift. Entscheidend ist das Signal, auf das ich immer achte: der Unterschied zwischen „ich habe mich gezwungen” und „ich bin einfach drübergegangen”.
Muss ich an Hypnose glauben, damit das funktioniert?
Nein. Offenheit reicht, Skepsis ist sogar normal, gerade bei rational geprägten Menschen. Hypnose ist kein Glaubenssystem, sondern ein neurophysiologisch gut untersuchter Zustand fokussierter Aufmerksamkeit, in dem das Gehirn nachweislich anders arbeitet. Die meisten meiner Klienten kommen nicht überzeugt, sondern bereit, es überprüfbar zu testen. Das genügt vollkommen.
Wann ist professionelle psychotherapeutische Hilfe der richtige Weg?
Wenn das Aufschieben Teil einer akuten Depression, einer Angststörung oder einer anderen behandlungsbedürftigen Erkrankung ist, gehört die Behandlung in psychotherapeutische oder ärztliche Hände. Coaching und Hypnose sind Werkzeuge für strukturelle Muster-Arbeit bei Menschen, die im Großen und Ganzen stabil sind und an einem spezifischen Punkt systematisch unter ihrem Niveau laufen. Im Zweifel sage ich dir das im Erstgespräch offen.
9. Der nächste Schritt
Wenn du bis hierhin gelesen hast, weißt du jetzt mehr über den Mechanismus deines Aufschiebens als die meisten Menschen, die je ein Produktivitätsbuch gekauft haben. Du weißt, dass es ein Gefühls-Problem ist, kein Zeitproblem. Du weißt, warum Disziplin und Schuld es schlimmer machen. Und du ahnst vermutlich schon, welcher der fünf Treiber bei dir führt.
Der logische nächste Schritt ist, das zu überprüfen: Mach den kostenlosen Prokrastinations-Test, drei Minuten, sieben Fragen. Du bekommst sofort einen ausführlichen Befund: welcher Treiber dein Aufschieben steuert, was wissenschaftlich dahintersteckt und warum To-do-Listen bei genau deinem Muster nicht greifen.
Und wenn du spürst, dass es Zeit ist, das Muster nicht weiter zu verwalten, sondern strukturell aufzulösen, dann ist ein Erstgespräch der Weg: dreißig Minuten, ohne Verkaufsdruck, mit einer ehrlichen Einschätzung, ob die Arbeit für dich passt.
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Es ist völlig in Ordnung, wenn du entscheidest: nicht jetzt. Nur eines sei gesagt, in aller Wärme und mit allem Ernst: Das Muster geht nicht von selbst weg. Es ist gelernt, es wird mit jedem Ausweichen weiter trainiert, und in zehn Jahren ist es nur eingeübter. Die Rechnung zahlt der Fremde von morgen. Und der bist, bei Licht betrachtet, eben doch du.
10. Quellen
- Sirois, F. M., & Pychyl, T. A. (2013). Procrastination and the priority of short-term mood regulation: Consequences for future self. Social and Personality Psychology Compass, 7(2), 115–127.
- Steel, P. (2007). The nature of procrastination: A meta-analytic and theoretical review of quintessential self-regulatory failure. Psychological Bulletin, 133(1), 65–94.
- Wohl, M. J. A., Pychyl, T. A., & Bennett, S. H. (2010). I forgive myself, now I can study: How self-forgiveness for procrastinating can reduce future procrastination. Personality and Individual Differences, 48(7), 803–808.
- Ersner-Hershfield, H., Wimmer, G. E., & Knutson, B. (2009). Saving for the future self: Neural measures of future self-continuity predict temporal discounting. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 4(1), 85–92.
- Eisenberger, N. I., Lieberman, M. D., & Williams, K. D. (2003). Does rejection hurt? An fMRI study of social exclusion. Science, 302(5643), 290–292.
- Landry, M., Lifshitz, M., & Raz, A. (2017). Brain correlates of hypnosis: A systematic review and meta-analytic exploration. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 81, 75–98.
11. Hinweis
Dieser Artikel ist ein Informationstext und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Wenn du unter einer akuten psychischen Erkrankung leidest oder dich in einer psychischen Krise befindest, wende dich bitte an einen approbierten Psychotherapeuten, Psychiater oder an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111). Klinische Hypnose und Coaching sind eine spezifische, auf struktureller Muster-Arbeit basierende Intervention und kein Ersatz für medizinische Behandlung.
Über den Autor
Alptekin Koc ist Gründer von The Alp Code™ — Advanced Hypnosis & Coaching in Berlin. Er arbeitet seit gut drei Jahrzehnten in kontemplativer Praxis, verbrachte fünfeinhalb Jahre in einem buddhistischen Retreat-Zentrum in der Dordogne (Karma-Kagyü-Linie) und hat über 30.000 Stunden Meditation akkumuliert. Seit 2013 begleitet er Unternehmer, Führungskräfte und Vertriebler, die unter Leistungsdruck stehen und an bestimmten Stellen systematisch unter ihrem tatsächlichen Niveau laufen. Seine Praxis sitzt am Kurfürstendamm 14 in Berlin. Klientenstimmen: 4,95 Sterne aus über 190 Bewertungen auf Google und ProvenExpert.